Was ich so zu hören bekomme…

Jeder Hund, den ich im Rahmen meiner Arbeit kennen lernen darf, wird von mir aktuell und individuell betrachtet und untersucht. Dazu gehört natürlich auch das Gespräch mit dem Besitzer: Ich möchte u.a. wissen, was diesen aktuell bei ihrem Hund auffällt, was sich in letzter Zeit vielleicht verändert hat und ob es zuvor schon mal körperliche Probleme gegeben hat.

Nicht selten waren die Hunde im Laufe ihres Lebens auch schon bei anderen Therapeuten (welcher Art bekomme ich nicht immer raus, auch hier sind die Beschreibungen manchmal etwas lückenhaft 😉 ) und nur in seltenen Fällen kann ich mit meinen Kollegen persönlich über den Hund und dessen Geschichte reden.

Der Normalfall: Ich frage den Besitzer was gewesen ist und bekomme dann die Beschreibung, mit der ich weiterarbeiten muss. Nicht immer einfach, weil es für viele Hundebesitzer echt nicht so einfach ist, während einer Behandlung auf ihren Hund zu achten und gleichzeitig zuzuhören, wenn der Therapeut etwas erklärt, wovon sie eigentlich auch nicht wirklich Ahnung haben. Dazu kommt, und das kann jeder Hundebesitzer sicher bestätigen, man ist bei seinem eigenen Hund auch immer ein bisschen aufgeregt und vergisst am Ende das ein oder andere, was erzählt worden ist.

Gab es in der Vorgeschichte eindeutige Verletzungen, können diese noch ganz gut beschrieben werden. Kommen wir aber in den Bereich der Wirbel und Gelenke aus manual therapeutischer Sicht, wird es etwas abenteuerlicher. Ich zitiere mal ein bisschen aus meinem Praxisalltag:

  • „Mein Hund hatte beim letzten Mal den Hals ausgerenkt“
  • „Das rechte Hinterbein war schief“
  • „In der Wirbelsäule war da hinten ein Knick“
  • „Der letzte Brustwirbel war draußen“
  • „Das Becken war verbogen“
  • „Da war fast die ganze Wirbelsäule kaputt!“
  • „Das Kniegelenk war rausgedreht“
  • „Die Knochen in der Pfote waren verrutscht“

Ich könnte da jetzt noch diverse weitere Formulierungen nennen und ja, aus der Distanz und mit dem nötigen Fachwissen mag das eine oder andere vielleicht sogar ganz lustig klingen. Wirklich arbeiten kann ich mit diesen Informationen auch nur, weil man über die Jahre lernt, dann die richtigen Fragen zu stellen, um herauszubekommen, was wirklich war.

Aber für die Besitzer ist das bitterer Ernst und ganz und gar nicht lustig. Wenn ich solche Beschreibungen im Kopf behalte, dann habe ich in der Regel auch die entsprechenden Bilder dazu im Kopf und die sind nicht immer schön und klingen viel schlimmer, als es der Realität entspricht.

Was ist wirklich gemeint…

All diese Beschreibungen beziehen sich tatsächlich auf ein und denselben Themenbereich: Blockaden und Verspannungen! Der Wirbel, „der draußen“ war, das „verbogene“ Becken, die „verrutschten“ Knochen… all das sind erschreckende Beschreibungen für in der Regel recht harmlose Probleme.

Wir Therapeuten vollbringen keine Wunder, in dem wir einen Wirbel, der irgendwo draußen ist, wieder an seinen Platz schieben und wir machen auch nicht mal eben eine kaputte Wirbelsäule wieder ganz oder Knochen gerade! Das ist auch gar nicht nötig, denn da ist nicht wirklich was kaputt.

Auch wenn ich einräumen muss, dass bei dem ein oder anderen etwas auf DAUER tatsächlich kaputt gehen kann, wenn diese zunächst recht harmlosen Probleme NICHT behandelt werden und sich ausweiten – aber dazu kommen wir in einem anderen Blogbeitrag. Hier möchte ich gerne erstmal erklären, was wirklich hinter diesen Beschreibungen steckt!

Verspannungen und Blockaden

Muskeln können „verspannen“ und Gelenke „blockieren“ – beides beeinflusst sich gegenseitig und beides hat Bewegungseinschränkungen zur Folge.

Verspannungen – muskulär

Schauen wir zunächst auf die „Verspannungen“:  Jeder Muskel ist so aufgebaut, dass er sich einfach gesagt, dehnen und auch wieder zusammenziehen kann.  Ich möchte dies hier so einfach wie möglich halten und wähle als Beispiel einen Muskel, der ein Gelenk beugen soll. Unser Beispielgelenk wird aus zwei Knochen gebildet, die miteinander durch eben dieses Gelenk verbunden sind.

 

 

In blau und rot sind schematisch zwei Muskeln dargestellt – hier in der Ausgangsstellung sind beide Muskeln in ihrer normalen Spannung.

 

 

 

Auf der folgenden Skizze sieht man, was passiert, wenn der rot eingezeichnete Muskel sich verkürzt: das Gelenk wird gebeugt.

Da dieses ja nicht auf Dauer in der gebeugten Stellung verbleiben kann, gibt es einen muskulären Gegenspieler, der hier in blau dargestellt wird.

 

 

In der Skizze kann man sehen, dass der eine Muskel gedehnt wird, wenn der andere sich zusammenzieht. Dieses Wechselspiel in der Muskulatur ist bei einem gesunden Hund so ausgewogen, dass jedes Gelenk genau den Bewegungsspielraum nutzen kann, der natürlicherweise dafür vorgesehen ist.

 

 

 

Ist nun einer der Muskeln „verspannt“, kann er sich nicht in seinem normalerweise existierenden Ausmaß dehnen, die Muskelarbeit ist eingeschränkt. Ist der blaue Muskel betroffen und kann sich nicht komplett dehnen, kann das Gelenk nicht im vollen Umfang gebeugt werden. Bleibt der rote Muskel aufgrund einer Verspannung verkürzt, ist die Streckung des Gelenks begrenzt.

Die Folge aus dieser Verspannung: Dieser Körperbereich ist in seiner Beweglichkeit eingeschränkt, weder die Muskulatur, noch das Gelenk können sich im normalen Umfang bewegen. Eine solche muskuläre Verspannung kann tatsächlich auch dazu führen, dass das Gelenk „blockiert“ und was damit gemeint ist, schauen wir uns nun an.

Blockaden – knöchern

Betrachten wir nun den knöchernen (schwarzen Teil) der Skizze und rufen uns ins Gedächtnis, dass dieses Gelenk nur schematisch dargestellt ist und in Wirklichkeit nicht so gleichmäßig geformt ist, können wir uns vorstellen, dass auch die beteiligten Knochen eines Gelenks Einfluss auf die Beweglichkeit haben. Die Gelenkflächen sind so beschaffen, dass sie in ihrer natürlichen Stellung perfekt ineinander passen und sich dadurch gut ineinander bewegen können.

 

 

Verändert sich die Position eines Gelenkpartners nur minimal, verändert sich die Beweglichkeit im Gelenk, die beiden Gelenkpartner können nicht mehr uneingeschränkt ineinander hin und her gleiten: das Gelenk ist blockiert!

 

 

 

Der obere Gelenkpartner ist nach links verschoben, in der Beugung stößt dieser am linken Rand des unteren Gelenkpartners an und das Gelenk kann nicht im normalen Umfang gebeugt werden.

 

 

Ein Blockade ist also eine Bewegungseinschränkung im knöchernen Gelenksbereich. Einer oder auch beide Gelenksparter sind nicht in ihrer Normalposition, so dass das Gelenk sich nicht mehr in seinem vollen Umfang bewegen kann. Hier können alle Bewegungsrichtungen betroffen sein: die Beugung, die Streckung, die seitliche Bewegung und auch die Drehbewegungen können eingeschränkt sein. Ein guter Therapeut erkennt nicht nur den betroffenen Bereich, sondern weiss auch um die Art der Einschränkung und kann diese dauerhaft lösen. Je nachdem, wie lange eine Blockade besteht und in wie weit die umliegenden Bereiche schon mit beeinflusst worden sind, reicht eine Behandlung oder es werden mehrere benötigt.

Categories: Allgemein

Britta Reiland

Britta Reiland, geb. 01.09.1974 Sportphysiotherapeutin, Dozentin und Autorin

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