Es vergeht kaum ein Turnier ohne diese Hunde, die man hört, bevor man sie sieht, die man wahrnimmt, bevor sie in der Nähe sind. Sie hüpfen wild, fiepsen oder bellen und eilen dabei übereifrig an den Start. Sie starten zu früh, weil sie nicht mehr warten können, reagieren auf Signale zu spät und können die ihnen gestellten Aufgaben nicht konzentriert abarbeiten. Und auch Hunde, die auf den Zuschauer zunächst recht entspannt wirken, zeigen häufig Anzeichen von Stress und Übererregung, die man erst bei genauerem Beobachten entdeckt.

„Entspannung im Hundesport? Die Hunde müssen doch aufgeregt sein, damit ihr Körper ideal für den Sport vorbereitet ist.“ So jedenfalls haben einige Hundesportler auf meine Frage, warum ihre Hunde auf dem Turnier so aufgeregt sind, geantwortet. Entspannung sei hier fehl am Platz.

Um eine Antwort auf die Frage, was Entspannung im Hundesport zu suchen hat, zu finden, muss man sich zunächst intensiver mit dem Gegenteil, der Aufregung, also dem Stress beschäftigen.

Fight or Flight Response

Die oben zusammengefasste Kernaussage der befragten Hundesportler hat ihren Ursprung in der Fight or Flight Response (dt: Kampf oder Flucht Reaktion, auch Cannon-Notfallreaktion genannt) – ein Begriff, den der amerikanische Physiologe Walter Cannon geprägt hat. Mit der Fight or Flight Response wird die körperliche Reaktion von Lebewesen auf Gefahrensituationen bezeichnet. Hierbei reagiert der Körper auf eine positive Rückkopplung zwischen Nebennierenmark und Sympathikus, wodurch zunächst Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet werden. So wird unter anderem für ein erhöhtes Herzschlagvolumen, erhöhte Kraft, eine erhöhte Atemfrequenz, eine Zunahme des Blutzuckerspiegels sowie eine erhöhte Pupillenreaktion gesorgt, die Fight or Flight Response versetzt den Körper in Alarmbereitschaft.

All diese körperlichen Reaktionen dienen dazu, in Gefahrensituationen das Überleben sichern zu können und verleihen dem Körper kurzfristig mehr Kraft, um diese Stresssituation bewältigen zu können. Diese Phase der körperlichen Reaktion ist die Hauptphase der Stresssituation, in ihr stellt sich der Körper mit der zusätzlichen Energie auf die Gefahrensituation ein. Gemeinsam mit der vorhergehenden Schrecksekunde, in der der Körper die Gefahr wahrnimmt, und der Erholungsphase bildet die Hauptphase die biologische Reaktion des Körpers auf Gefahrensituationen.

Unterscheidung zwischen guten und schlechten Stress

Die Unterscheidung in guten Stress und schlechten Stress (Eustress und Disstress) liegt vor allem in der Reaktion auf die Stresssituation begründet. Bei Eustress, “gutem” Stress, wird die Stresssituation durch Stressbewältigungsstrategien aufgelöst und führt zu einer entspannten, „glücklichen“ Erholungsphase. Negativer Stress hinterlässt deutliche Spuren im Körper, er wird nicht durch eine Stressbewältigungsstrategie überwunden und führt in keine oder in eine nicht-ausreichende Erholungsphase. Stress an sich ist somit – körperlich gesehen –  immer gleich und die körperlichen Auswirkungen von Stress hängen an zwei Punkten – den Bewältigungsstrategien, um Stresssituationen verarbeiten zu können, und an ausreichenden, intensiven Erholungsphasen.

Doch was hat dieser Exkurs mit Hundesport zu tun?

Die aktive Teilnahme an sportlichen Aktivitäten, im Besonderen natürlich auch die Teilnahme an Turnieren, setzt aus naheliegenden Gründen eine gewisse Aufregung voraus. Aufregung führt – als Folge der erläuterten Fight or Flight Response – zu einer gesteigerten Leistungsfähigkeit und Konzentration, was nicht nur zu einem besseren Ergebnis, sondern auch zu einem gesünderen Lauf und somit zur Verhinderung von Verletzungen führen kann.

Jedoch ist der Körper von Lebewesen auf kurze Stressphasen ausgelegt. Sowohl der menschliche wie auch der hündische Körper können nicht dauerhaft unter der Ausschüttung von Stresshormonen funktionieren. Stress muss über Bewältigungsstrategien abgebaut werden und letztlich in eine regenerative Erholungsphase führen. Verschiedene Quellen sprechen von einem Zeitfenster von durchschnittlich 15 Minuten, die zwischen der auslösenden Situation (Schrecksekunde) und dem Eintritt in die Erholungsphase maximal liegen sollten.

Zuviel Stress sorgt für das Gegenteil der körperlichen Vorteile. Die Konzentrationsfähigkeit lässt nach, Bewegungen werden unkontrollierter, Abstände schlechter eingeschätzt, kurz: die Leistungsfähigkeit lässt deutlich nach, Fehler und Verletzungen werden wahrscheinlicher.

Die Lösung: Entspannung

Um die positiven körperlichen Auswirkungen von Stresssituationen für einen erfolgreichen und gesunden Start zu nutzen, lohnt es sich, sich mit dem Thema Entspannung zu beschäftigen. Durch den Aufbau eines großen Fundus an Bewältigungsstrategien für die aufregende, also stressende Situation auf einem Turnier/ Wettkampf, kann das allgemeine Stresslevel gesenkt und so ein zu hohes Stresslevel vermieden werden.

Um die Aufregung eines Turnieralltags zu reduzieren lohnt es sich also, abseits vom Turnier zu überlegen, in welchen Situationen dein Hund aufgeregt war und wie sich dies geäußert hat. Wenn du magst, nimm dir Zettel und Stift und schreibe dir auf, wie ein normaler Turniertag für dich und deinen Hund abläuft, in welchen Situationen dir dein Hund zu aufgeregt in Erinnerung geblieben ist und welche Situationen er zur Erholung nutzen kann. Dieser Überblick kann dir dabei helfen, deinen Turnieralltag für euch entspannter zu gestalten, in dem du nun die Möglichkeit hast, für bestimmte Stresssituationen neue Bewältigungsstrategien in euren Fundus aufzunehmen.

Demnächst erfahrt ihr in diesem Blog mehr über den Umgang mit Stress – seid gespannt.

Über den Autor

Natascha
Natascha lebt mit ihrem Partner und ihren beiden Hunden Phoebe (13) und Quinn (8) zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie arbeitet als Hundetrainerin (zertifiziert nach §11 Tierschutzgesetz, Abs. 1, Nr. 8f) und Schreibberaterin im Ruhrgebiet. In ihrer Hundeschule steht sie Menschen mit reaktiven Hunden bei und bietet Beschäftigungskurse wie Tricktraining, Longieren oder Balancieren an. Mit ihren eigenen Hunden ist sie aktiv am Longierkreis unterwegs, mit Border Collie Quinn trainiert sie Obedience und fährt mit dem Dogscooter, Hündin Phoebe liebt Schnüffelaufgaben.
Kategorien: Entspannung

Natascha

Natascha lebt mit ihrem Partner und ihren beiden Hunden Phoebe (13) und Quinn (8) zwischen Ruhrgebiet und Münsterland. Sie arbeitet als Hundetrainerin (zertifiziert nach §11 Tierschutzgesetz, Abs. 1, Nr. 8f) und Schreibberaterin im Ruhrgebiet. In ihrer Hundeschule steht sie Menschen mit reaktiven Hunden bei und bietet Beschäftigungskurse wie Tricktraining, Longieren oder Balancieren an. Mit ihren eigenen Hunden ist sie aktiv am Longierkreis unterwegs, mit Border Collie Quinn trainiert sie Obedience und fährt mit dem Dogscooter, Hündin Phoebe liebt Schnüffelaufgaben.

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