Ich muss zugeben: Anfangs konnte ich mir nicht so wirklich vorstellen, wie die wissenschaftlichen Publikationen alle in einem einzigen Buch untergebracht werden, ohne das es eine reine Auflistung von Quellen ist oder sich langweilig lesen lässt. Der Autor Bo Söderström hat es allerdings geschafft, die Wissenschaft rund um unsere Hunde greifbar und verständlich zu gestalten.

Ok… zugegeben… er hat ein wenig geschummelt und sich in seinem aktuellen Buch auf die Publikationen von Januar 2015 bis Mai 2016 beschränkt, da in der Wissenschaft rund um den Hund immer mehr passiert. Aber dieser zeitliche Rahmen reicht schon vollkommen aus für ein Buch, dass alle Themen rund um den Hund in mindestens einem Kapitel erwähnt werden.

Zu Beginn schaut der schwedische Autor auf den Hund als soziales Wesen: Wie entwickeln sich Welpen aus der nüchternen Sicht der Wissenschaft und werden zu einem sicheren erwachsenen Hund, der sich in seiner Umwelt zurecht findet? Wie baut der Hund eine enge Beziehung zu seinem Menschen auf und was ist dabei für den Hund wirklich wichtig? Und was macht am Ende einen guten Assistenzhund aus? Können wir den einen Hund in der Wurfkiste unter allen Welpen direkt erkennen? Söderström greift in diesem Kapitel unter anderem auf den bekannten Wissenschaftler und Autor John Bradshaw (nebenbei: Das Buch “Hundeverstand” von Bradshaw ist ein absolutes Muss in jedem Hundehalter-Bücherregal!) auf und beschreibt die sozialen Beziehungen und hierarchische Ordnungen. Spannend finde ich in diesem Absatz vor allem, wie Hunde unsere Stimmungen wahrnehmen und darauf reagieren. Und wusstet ihr, dass diejenigen, die eine bessere Bindung zu ihrem Hund haben, öfters mit dem Hund Gassi gehen?

Das Kapitel “Guter Kontakt zu Ihrem Hund” hat mich vor allem als Hundesportler besonders interessiert. Die Wissenschaft belegt unter anderem, dass die Lernmethode “Do as I do” zu einem schnelleren Erfolg im Training führt als die Klickermethode, da die Hunde generell unser Verhalten widerspiegeln, ohne dass sie das vorher erlernen mussten. Je mehr der Hund von und mit seinem Menschen lernen darf ist entscheidend dafür, wie gut er beispielsweise Gesten folgen kann – und das sogar besser als Schimpansen. Genauso gleichen sie ihren Oxytocinwert und den Stresspegel dem unseren an, wenn wir mit den Hunden auf Turnieren starten, was unter anderem die Wissenschaftlerin Buttner durch Speichelproben feststellte.
Und wenn wir schon beim Thema Training sind: Hunde haben genauso eine Schokoladenseite wie wir Menschen – wissenschaftlich bewiesen.

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit dem Thema Problemverhalten. Hier zeigt der Autor, wie die Wissenschaft typische “Problemverhalten” betrachtet und wieso viele Probleme überhaupt erst entstehen. Auch die Gesundheit der Hunde bekommt ein eigenes Kapitel – zumal die Gesundheit wiederum der Grund für so manch ein Problem darstellt.

Abgerundet wird das Buch mit dem letzten Kapitel zum Thema “Der ursprüngliche Hund”. Natürlich geht es hierbei um den Wolf und die unterschiedlichen Hunderassen. Wissenschaftler wie Parker kommen in diesem Kapitel zu Wort und zeigen auf, welche Rassen wirklich ursprünglich sind und warum kleinere Hunde öfters unerwünschtes Verhalten zeigen als größere Hunde.

Die meisten in dem Buch genannten Studien beruhen zwar auf kontrollierte Experimente. Das mag im ersten Moment sehr trocken klingen, aber der Autor schafft es, dem Leser die Wissenschaft leicht verständlich und anschaulich näher zu bringen. Und selbst hundeerfahrene Leser finden einige Dinge, die sie bisher noch nicht wussten oder nur ahnten. Jetzt habt ihr mit dem Buch den Beweis in der Hand 😉

Vielleicht noch ein Wort zur Aufmachung, denn gestalterisch ist das Buch sehr schlüssig zusammengesetzt: Eine farbliche Unterscheidung der einzelnen Themen erleichtern dem Leser die Orientierung, wobei jedes Kapitel zusätzlich mit einer Zusammenfassung abschließt. Das ermöglicht auch ein “Quereinstieg” wie in Nachschlagewerken, sollte ein Thema für jemanden spannender sein als ein anderes. Die Seiten sind leserfreundlich gestaltet und bieten Platz für Randnotizen, so dass das Buch noch weniger den Eindruck einer wissenschaftlichen Sammlung macht. Auch die thematisch passenden Fotoaufnahmen, die nicht aus der Handykamera von Privatpersonen stammen 😉 , machen das Buch hochwertiger.

Das Literaturverzeichnis ist übrigens ebenfalls sehr einladend: Wir kennen alle die Textwüsten, die normalerweise überblättert werden. In diesem Buch sind die Quellen nach den Kapiteln sortiert, so dass schnell auf weiterführende Literatur zugegriffen werden kann. Und genau das werde ich jetzt machen, nachdem ich “Hunde erforscht – für die Praxis erklärt” allen Hundefreunden absolut empfehle – egal ob Neuling oder Hundekenner.


Details zum Buch:

Bo Söderström
Hunde erforscht – für die Praxis erklärt
Hardcover, 256 Seiten, durchgehend farbig
Kynos Verlag
ISBN 978-3-95464-173-4

Das Buch erhaltet ihr direkt im Verlag

Über den Autor: Bo Söderström Jahrgang 1967, ist Dozent der Naturschutzbiologie und Chefredakteur der Fachzeitschrift für Umweltwissenschaften „Ambio“ der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften in Stockholm. Bo Söderström hat in Schweden verschiedene populärwissenschaftliche Bücher über Tiere (Katzen, Hummeln und Schmetterlinge) veröffentlicht. Neben über 100 veröffentlichten wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Artikeln über wilde und zahme Tiere berichtet Bo Söderström regelmäßig in Radio und Zeitungen Wissenswertes über Tiere und Natur.

Categories: Buchempfehlung

Kerstin

Kerstin Schubert arbeitet als selbstständige Informationsdesignerin und ist in ihrer Freizeit auf dem Hundeplatz mit ihrem Berner Wookiee im Obedience Klasse 3 unterwegs. Sie hat die hier im Shop erhältlichen Trainingstagebücher gestaltet und realisiert.

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