Im Jahr 1977 wurde Peter Meanwell gefragt, ob er nicht einen Pausenfüller für die Crufts organisieren könne. Vom Pferdesport inspiriert, entwickelte er darauf hin gemeinsam mit zwei Hundevereinen ein Springturnier für Hunde als Wettkampf. Der dafür entwickelte Parcours wurde von den genannten Vereinen unter verschiedenen Bedingungen geübt und schließlich bei der Crufts im Jahr 1978 präsentiert. Auf Grund der Begeisterung des Publikums beschloss man darauf hin, dass man dies im darauf folgenden Jahr wiederholt und musste schon die ersten Ausscheidungskämpfe durchführen, um nur die besten drei Teams präsentieren zu können. Was im Laufe der Jahre aus diesem Selbstläufer wurde ist bekannt und in den 1980ern fand Agility auch endlich seinen Weg nach Deutschland. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Agility)

Was den meisten Hundesportlern weniger bekannt sein dürfte ist der Umstand, dass Alex Stein und Ashley im Jahre 1977 schon ihren dritten Weltmeistertitel im Hundefrisbee erspielen konnten. (Quelle: https://ashleywhippetmuseum.com/world-champions/)

Ja, ihr habt richtig gelesen. Im Hundefrisbee gab es schon Weltmeisterschaften, bevor Agility   überhaupt erfunden, durchgeplant und präsentiert wurde.

Ok, in wie weit man diese Weltmeisterschaften auf Grund ihrer Größe und ihrer Bekanntheit wirklich als solche anerkennen kann/sollte, bleibt jedem selbst überlassen. Nichts desto trotz, gibt es ein Datum, welches unbestreitbar mit der Geburtsstunde des Hundefrisbee verknüpft ist und ebenfalls – deutlich – vor den Anfängen des Agility liegt.

Dieses Datum war der 5. August 1974, als Alex Stein mit seinem Hund, dem Whippet-Rüden Ashley, in der Pause eines Baseball-Meisterschaftspiel in Los Angeles auf das Spielfeld lief und dort eine ungenehmigte und aufsehenerregende Präsentation dessen gab, was heute als Hundefrisbee bekannt ist. (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Discdogging)

Warum aber ist Agility mittlerweile so viel verbreiteter als Hundefrisbee und warum in aller Welt gehen die meisten Hundesportler nach wie vor davon aus, dass Hundefrisbee ein verhältnismäßig junger Sport ist?

Letzteres ist eigentlich recht einfach zu erklären.
Hier bestimmt ganz klar unser europäischer Standpunkt die Perspektive und dürfte unsere Wahrnehmung diesbezüglich ein wenig verzerren. Agility ist nun mal in Europa entwickelt worden und „schon“ in den 1980ern hielt dieser Sport Einzug in die deutschen Hundevereine.
Da dieser Weg im Hundefrisbee jedoch bedeutend länger dauerte (bzw. eine komplett andere Route nimmt), wird recht schnell klar, warum unser Bild da durchaus etwas verzerrt sein könnte und wir Agilitiy als älteren Sport sehen. Ich glaube allerdings, dass Alex Stein und seine damaligen Kumpanen einen etwas anderen Standpunkt vertreten, wenn man sie mal fragt.

Dies beantwortet jedoch nicht zwingend die Frage, warum sich Hundefrisbee nicht ebenfalls so schnell verbreitete wie Agility. Immerhin gibt es den Sport nun auch schon diverse Jahre in Europa. Es dürfte wohl kurz vor dem letzten Millennium gewesen sein, dass der Karlsruher Jochen Schleicher diesen Sport nach Europa brachte (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Discdogging) und versuchte ihn zu etablieren.

Woran also liegt es?

Nun ja,…

Agiliy wurde einst für die Crufts entwickelt. Somit hatte dieser Sport schon ein mehr oder weniger funktionierendes Netzwerk mit angeschlossenen Vereinen und den daraus resultierenden Möglichkeiten, bevor er überhaupt als Sport, wie wir ihn heute kennen, existierte. Diesen Umstand „genoss“ Hundefrisbee jedoch weder in den USA, geschweige denn in Europa und so ziemlich jede Organisation, die es im Hundefrisbee gab oder gibt, existierte oder existiert neben den Strukturen der FCI.

Dieser Umstand ist an dieser Stelle durchaus interessant und wir finden hier eventuell auch schon einen Teil der Antwort, warum Hundefrisbee nicht die Verbreitung hat, die sich einige für diesen Sport wünschen.

So lautet ein gern geposteter Kommentar meines persönlichen Vereinskaspers, wenn ich mich in der Öffentlichkeit mal wieder genervt über irgendwelche Strukturen oder Missstände in unserem Sport äußere, in etwa wie folgt:

Wenn ihr dem VDH bzw. DVG angehören würdet, hättet ihr solche Probleme nicht und das wäre viel einfacher und besser für den Sport.“

Ja ja, und überhaupt ist alles besser im Verein. Es gibt „qualifizierte“ Trainer, es gibt tolle Plätze, es gibt einheitliche Regeln, das Training ist günstiger,… bla bla bla!

Wobei, vermutlich hat er da sogar irgendwie Recht.
Wie oben geschrieben kann eine solche Vereinsmeierei durchaus seine Vorteile haben. Es gab ja durchaus schon diverse Versuche in diese Richtung zu arbeiten und man findet nach wie vor Überreste davon im Netz und in einigen wenigen Hundevereinen.

Denken wir allerdings nur einen Moment länger darüber nach, müssen wir uns auch ganz klar die Frage stellen, welche Schattenseiten eine solche Kooperation irgendwann mit sich bringen könnte.

Um im Thema zu bleiben, nehmen wir uns einmal die aktuelle (2018) Agility-Wettkampfordnung zur Hand (www.fci.be/medias/AGI-REG-2018-de-5999.pdf). Darin finden wir auf Seite 13, den Punkt A.9. Unter diesem Punkt werden sehr deutlich die Zulassungsbestimmungen für Wettbewerbe geregelt. Da wir im Hundefrisbee immer erst mal von internationalen Wettbewerben ausgehen, ist der Unterpunkt a) wohl der Interessanteste für uns.

Hunde aller Rasse mit einem Mindestalter von 18 Monaten, die in einem von der FCI anerkannten Zuchtbuch eingetragen sowie tätowiert oder gechipt sind, deren Eigentümer/ Hundeführer Mitglied eines Vereins sind, der einer der FCI zugehörigen Landesorganisation angeschlossen ist.

Die Teilnehmer haben eine von ihrer LAO ausgestellte Leistungskarte oder Lizenz vorzuweisen, in der ihre Prüfungsergebnisse erfasst werden. Läufigen Hündinnen ist die Teilnahme an internationalen Wettbewerben gestattet.

Das CACIAg wird ausschließlich bei internationalen Wettbewerben zuerkannt.“

Öhhh… FCI anerkanntes Zuchtbuch? Mitglied eines Vereins? Die Teilnehmer haben eine von ihrer LAO ausgestellte Leistungskarte oder Lizenz vorzuweisen?

Na herzlichen Glückwunsch!

Euch ist schon klar, dass durch diese Regel spontan ein Großteil der derzeit aktiven Hunde vom Sport ausgeschlossen wären und unzählige Hunde, seien sie auch noch so talentiert, nicht mehr starten dürften? Von der typischen Vereinsmeierei, die damit verbunden wäre und den teilweise praktizierten Trainingsmethoden in manchen Vereinen ganz zu schweigen.

Natürlich, an Stelle der FCI würde ich vermutlich ähnliche Regeln aufstellen, immerhin sichern die sich so ihre Existenz und es ist ganz sicher auch nicht alles schlecht, was die so treiben.

Aber ist es das, womit wir uns irgendwann abfinden wollen? Ich bin da irgendwie skeptisch!

Leider beißt sich genau an dieser Stelle die Katze selber in den Schwanz und wir haben einen halbwegs plausiblen Teil der Antwort auf die eingangs gestellte Frage, warum Hundefrisbee nicht so verbreitet ist wie Agility und warum wir manchmal eben zu Plan b,c oder d greifen müssen, um ein Event, eine Trainingssession oder ein Seminar durchführen zu können.

Wir können nun mal einfach nicht darauf hoffen, die gleiche Verbreitung wie andere Sportarten zu bekommen, wenn wir uns unsere Freiheiten erhalten wollen und eine tiefer gehende Kooperation mit den Hundeverbänden kategorisch ablehnen.

Überlegt mal:
Im Grunde ist doch der Großteil der Hundefrisbee-Veranstaltungen in der Regel in Eigenregie von wenigen Privatpersonen organisiert. Mit deren räumlichen und finanziellen Möglichkeiten steht und fällt natürlich dann auch die Qualität und das Ambiente der Veranstaltung.
Das man da durchaus auch mal Abstriche machen muss, leuchtet wohl jedem ein, oder?

Ich persönlich kann damit in der Regel, sehr wohl, irgendwie leben.

Ich weiß jedoch auch von einigen Spielern, Veranstaltern und Organisatoren, die in beiden Sportarten aktiv sind, dass sie sich manche Strukturen, die sie aus dem Agility gewohnt sind, auch für unseren Sport wünschen. Das kann man ihnen nicht einmal verübeln.

Es kann durchaus etwas befremdlich sein, wenn man auf einem Turnier ankommt und sich darüber freuen darf, dass es eine funktionierende Toilette mit fließendem Wasser gibt (Anmerkung: So etwas kommt glücklicherweise nur noch selten vor.), oder aber spontan das Regelwerk geändert wurde, weil irgendwelche Umstände es dringend erforderlich machten.
Nein, so etwas war/ ist sicherlich nicht immer schön und ich kann durchaus verstehen, dass einige darauf keinen Bock haben und dem Sport den Rücken kehren.

Wenn man nun noch berücksichtigt, welche sportlichen, koordinatorischen und kreativen Anforderungen im Hundefrisbee mitunter an den Menschen und den Hund gestellt werden (Es ist halt schon mehr als nur ein wenig „Scheibe werfen“ für den Hund), dürfte wohl auch dem letzten Zweifler bewusst werden, dass Hundefrisbee wohl nie auf eine solch große Zahl von Aktiven hoffen sollte, wie andere Sportarten es können und daher auch nahezu jeder Vergleich mit anderen Sportarten sinnlos ist und vermutlich nur zu unnötigem Frust führt.

Stattdessen sollte man sich im Gegenzug viel öfter folgendes vor Augen halten:

Es bedarf nicht zwingend einem Background, wie ihn die Agilityszene zur Verfügung hat, um einen Sport groß zu machen und tolle Events zu erleben.
Trotz, oder gerade wegen seiner Unabhängigkeit, hat der Hundefrisbee-Sport, im Laufe der Jahre, eine ganz eigene, internationale und sehr familiäre Szene von Akteuren hervorgebracht, die sich immer wieder unermüdlich für den Sport engagieren.

Dies ermöglicht uns, dass wir diesen Sport, auch nach mehr als 40 Jahren, unserer Eigen nennen können und auch immer wieder stolz darauf sein dürfen, was wir so alles erreicht haben.


Björn Tigges

Björn Tigges bewegt sich seit 2004 in der Welt des Hundefrisbees. Zusammen mit seinen Hunden qualifizierte er sich mehrfach für Europameisterschaften und Weltmeisterschaften im Hundefrisbee und unterrichtet, als Hundetrainer (zertifiziert nach §11 Tierschutzgesetz, Abs. 1, Nr. 8f) einzelne Teams, Gruppen und Trainer in ganz Europa. Darüber hinaus ist er auch immer wieder als Richter in unterschiedlichen Regelwerken unterwegs, bildet neue Richter aus und vertritt derzeit, als "European Tournament Director", die "Ashley Whippet Invitationals"-Weltmeisterschaftsserie in Europa.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.