Heute möchte ich zu einem Thema eine Neuerscheinung aus dem Kynos-Verlag vorstellen, das man gar nicht oft genug erwähnen kann: Richtiges Belohnen und vor allem richtiges “Fehler-Management” im Umgang mit unseren Hunden. Gemeint ist das Buch “…oder einfach so! Warum Hunde sich nicht alles verdienen müssen” von Kathy Sdao.

… oder einfach so!
Warum Hunde sich nicht alles verdienen müssen

Einige mögen vielleicht denken “Jetzt nicht noch ein Buch zum Thema Rudelführung und Leckerlis werfen.” – habe ich auch erst gedacht, muss ich zugeben. Auf der anderen Seite war ich neugierig, weil ich zum ersten Mal innerhalb eines Buches zu diesem Thema Begriffe wie fair, Kontrolle, Privilegien, Alpha-Rolle und Clicker gestolpert bin. Die meisten Bücher sind ja entweder pro ‘Rudelführer’ oder pro ‘Wattebäuschchenwerfer’. Wie Kathy Sdao das Thema von beiden Seiten her angeht, hat mich sehr interessiert und inhaltlich wurde ich nicht enttäuscht.

Die Autorin trainierte Tümmler für das Verteidigungsministerium und machte sich während dieser Arbeit oder viel mehr Forschung viele Gedanken über das Training mit Tieren. Heute ist sie unter anderem ein Teil der ClickerExpo und hält Vorträge über den richtigen Umgang mit Hunden.

Wie konnte ich einerseits aufhören, alle kontrollieren zu wollen und andererseits weiter als Tiertrainerin und Verhaltensberaterin arbeiten? ‘Bedingungslose Liebe’ ist kein Trainingsplan

Aus “… oder einfach so!”

Das Zitat fasst das Thema des Buches eigentlich sehr gut zusammen: Wie können wir mit Hunden trainieren, ohne Zwangsmittel, Alpha-Rolle und Strafen – und dabei gezielt einen Plan umsetzen? Die meisten von uns kennen zwei Möglichkeiten. Der erste Weg bei unerwünschten (oder gar gefährlichem Verhalten) ist die Rationierung von Privilegien – wenn der Hund gestreichelt werden will, muss er sich die Aufmerksamkeit erst durch ein bestimmtes Verhalten verdienen – ohne Fleiß kein Preis. Der andere Weg ist die klassische Gegenkonditionierung und das Training von Alternativverhalten.

Kathy Sdao ist über ihren Glauben zu einem neuen Aspekt gekommen: Gott liebt jemanden, weil es seiner Natur entspricht, jemanden zu lieben. Und dabei knüpft er seine Liebe nicht an irgendwelche Bedingungen. Die Freude des Zusammenseins und der Genuß der gemeinsamen Zeit passen nicht zu der Einstellung, dass Hunde nichts ohne Gegenleistung bekommen dürfen. Es folgen einige Mythen zum Thema Hierarchie, die sich noch in manch Köpfen einiger Hundeleute festsitzen. An dieser Stelle zitiere ich die Autorin sehr gerne:

Hunde sehen Menschen als Mitglieder ihres hierarchisch strukturierten Rudel. Obwohl eine Fülle an Daten auf das Gegenteil hindeuten, glauben viele Menschen nach wie vor, dass Hunde statische lineare Hierarchien eingehen und Individuen entweder dominant oder submissiv sind. … Unzählige Hundehalter verschwenden Zeit und Mühe darauf, sich an vermeintlich unumgänglichen Regeln zu halten. Dieselbe Zeit könnte für simples, effektives Training genutzt werden!

Aus “… oder einfach so!” , Seite 43

Anhand von einigen Beispielen beschreibt sie nun die Denkweise einiger Hundetrainer, dass sich Hunde alles zu verdienen haben. So darf der Hund nur dann einen Verstärker erhalten, wenn er zuvor ein Kommando ausgeführt hat, sich an bestimmte Regeln hält und vor allem – so kann man sehr deutlich immer wieder zwischen den Zeilen lesen – wenn der Hund den Menschen nicht nervt oder anders auffällt.

Das nächste Kapitel geht noch einen Schritt weiter und beleuchtet das Thema “Alpharolle oder Alpha-Rolle”. Oft stolpern wir über die Annahme, dass die Beziehung zwischen Hund und Mensch nur dann funktionieren kann, wenn der Mensch die Kontrollfäden in den Händen hält. Die Autorin erzählt dazu aus ihrem Alltag als Hundetrainer von Beispielen, in denen sich der Hund sogar das Trinken erst verdienen musste. Der Klassiker sind hier die sogenannten Verhaltensketten: Der Hund zeigt ein unerwünschtes Verhalten, um etwas zu bekommen: Beispielsweise bellt er, weil er nach draußen möchte. Nun will der Halter erst ein Sitz sehen, damit sich der Hund auf diesem Weg verdient, nach draußen zu dürfen. Als Belohnung macht der Halter für das Sitz die Tür auf. Was hat der Hund daraus gelernt? Zeige erst dein unerwünschtes Verhalten, damit du die Chance hast, ein erwünschtes Verhalten zeigen zu dürfen, um so nach draußen zu kommen. Und schon wird das unerwünschte Verhalten durch den Gedanken “Ohne Fleiß kein Preis” verstärkt. Hierzu gibt es unendlich viele Beispiele, die viele von uns sicher schon gesehen haben oder gar selber kennen. Aber:
Sind die schönsten Beziehungen nicht die, in denen klar kommuniziert wird und in denen es eine emotionale Verbundenheit gibt?

Verstärke erwünschtes Verhalten und verhindere die Verstärkung von unerwünschtem Verhalten

Aus “… oder einfach so!” , Seite 74

In den folgenden Kapiteln stellt die Autorin nun Alternativen vor. Dabei geht es vor allem darum, wie der Mensch dafür sorgen kann, dass der Hund erst gar kein unerwünschtes Verhalten zeigen kann. Hierbei liegt der Schwerpunkt auf die sogenannte SMART-Methode: Sehen, Markieren und reich belohnen im Training. Ein erwünschtes Verhalten sehen und entsprechend zu markern sind die Grundlagen eines erfolgreichen Trainings. Dazu gehört auch, dass der Hundehalter dafür sorgt, dass der Hund keine falschen Entscheidungen treffen kann und die Umwelt danach gestaltet. Hierfür zeigt die Kathy Sdao wieder an einigen Beispielen aus dem Alltag, wie der Trainingsansatz einfach umgesetzt werden kann und wie auf diese Art schnelle Trainingserfolge erzielt werden. Verstärker und Strafen bestimmen das zukünftige Verhalten des Hundes mehr als “Führung” durch strenge Kommandos und das Erarbeiten von Privilegien.

Machen Sie sich bewusst, dass Tiere, denen die Erfüllung ihrer physiologischen und sozialen Mindestbedürfnisse verweigert wird, verzweifeln können. Dies kann sich als aufdringliches, forderndes Verhalten zeigen, welches oft fälschlicherweise als Dominanz interpretiert wird, oder als Nervosität und Unaufmerksamkeit, welche oft mit Sturheit verwechselt werden.

Aus “… oder einfach so!” , Seite 106

Das letzte Kapitel des Buches spricht einen – in meinen Augen – sehr wichtiges Thema an, was vor allem in der heutigen Gesellschaft noch mehr betont werden sollte. Was macht das Training über Strafe und Schmerzen eigentlich mit den Hundehaltern selber? Was sind das für Menschen, die einem geliebten Wegbegleiter Schmerzen wie Kneifen, Tritte oder gar Teletakt und unsichtbare Elektrozäune zumuten? An dieser Stelle möchte ich die Rezension mit einem letzten – zugegeben etwas längerem – Zitat beenden, das mir persönlich sehr wichtig ist:

Tatsächlich geht es um Hunde – aber nichs an diesem Thema ist “nur” oder “bloß”. Nicht nur, dass Hunde es verdienen, mit Würde behandelt zu werden – sie können uns auch helfen, einen besseren Umgang mit unseren Mitmenschen und anderen Geschöpfen zu lernen. … eine Beziehung, die frei von den menschlichen Komplikationen verbaler Sprache, hinterhältigen Absichten, dem endlosen Analysieren von Gesprächen und moralischem Doppelsinn ist”

Aus “… oder einfach so!” , Seite 119

und weiter…

Wenn Training als Partnerschaft fühlender Tiere gälte und zum Ziel hätte, die Freude und Zufriedenheit beider Partner zu steigern… Kann gemeinsames Training Lebensfreude in unseren Hunden wecken, statt von “Korrekturen”, der Unterdrückung von Verhalten und verpflichtenden Respektgebietung geprägt sein? Was wenn wir uns mit einem Konzept gegenseitiger Verstärkung anfreunden – einem Geben und Nehmen von Verstärkern zwischen Hund und Mensch?

Aus “… oder einfach so!” , Seite 127

Fazit
Ich muss zugeben: Ich habe selten so viel aus einem Buch direkt zitiert. Zu Beginn war ich noch ein wenig skeptisch, ob ich das Buch wirklich lesen mag (oder ob ich nicht doch nur zum wiederholten Male Dinge über das Clickertraining lesen werde wie in zig anderen Büchern auch). Als die Autorin dann auch noch von ihrem Weg zum Glauben zu erzählte, war ich kurz davor, das Buch zur Seite zu legen. Zum Glück habe ich es nicht gemacht, denn es enthält so viele Gedanken, die mir persönlich sehr wichtig sind, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als hier recht viel zu zitieren, um möglichst viele zum Nachdenken zu bewegen.
Ja, es ist ein Buch über Trainingsmethoden und der Leser bekommt durch einige Beispiele auch Anleitungen. Aber das ist nur ein Bruchteil aus dem gesamten Buch. Ihr werdet so viel mehr entdecken und hoffentlich wird es viele Hundehalter mit überholten Ansichten und Erziehungsmethoden zum Umdenken anregen.

Details zum Buch

Kathy Sdao
… oder einfach so!
Warum Hunde sich nicht alles verdienen müssen
Paperback
ca. 140 Seiten
s/w
ISBN: 978-3-95464-206-9

Das Buch erhaltet ihr direkt im Kynos-Verlag

Über Kathy Sdao:

Kathy Sdao ist Verhaltenswissenschaftlerin und absolvierte ein Masterstudium in experimenteller Psychologie. Sie ist seit fast 30 Jahren hauptberuflich als Tiertrainerin tätig und trainierte unter anderem Delfine und Wale für das amerikanische Verteidigungsministerium. Sie führt die Hundeschule „Bright Spot Dog Training“ und gibt jährlich rund zwölf internationale Seminare für Hundetrainer.




Kerstin

Kerstin Schubert arbeitet als selbstständige Informationsdesignerin und ist in ihrer Freizeit auf dem Hundeplatz mit ihrem Berner Wookiee im Obedience Klasse 3 unterwegs. Sie hat die hier im Shop erhältlichen Trainingstagebücher gestaltet und realisiert.

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