Ich bin nach wie vor der Meinung, dass wir dringend mehr tierphysiotherapeutische Kollegen brauchen, die sich in der Sportphysiotherapie sicher auskennen. Anlässlich der von uns in diesem Jahr nach mehrjähriger Vorbereitung gestarteten Weiterbildung „Sportphysiotherapie für Hunde“, welche in Kooperation mit dem Dorntherapiezentrum von Susanne Schmitt in Swisttal stattfindet, werde ich immer wieder gefragt, warum ich die Sportphysiotherapie so wichtig finde.

Ich habe mit Hunden aus weiten Teilen Deutschlands und aus dem benachbarten Ausland zu tun und wiederholt stehe ich vor dem Problem, dass ich für eine Weiterbehandlung Kollegen suchen muss, die in erreichbarer Nähe dieser Sporthunde eine Praxis besitzen. Ich google, ich durchforste die Internetauftritte, ich schreibe Mails und ich telefoniere…und immer mal wieder werden meine Anfragen nach physiotherapeutischer Begleitung eines Sporthundes abgelehnt. Zum einen mit der Begründung, dass in der Praxis das notwendige Fachwissen fehlt, zum anderen aber auch immer wieder, weil Kollegen dem Sport gegenüber generell ablehnend gegenüber stehen.

Hundesport und Physiotherapie

Im Humanbereich ist eine sportphysiotherapeutische Begleitung längst fest etabliert, im Hundesport dagegen gibt es noch viele Bereiche, in denen physiotherapeutische Unterstützung nicht genutzt wird. Hundesport ist Leistungssport und die Herausforderungen, denen die Hunde dort ausgesetzt sind, sind nicht mit den Anforderungen vergleichbar, denen sich z.B. reine Familienhunde in ihrem Alltag stellen müssen. Umso wichtiger ist dort doch dann eine fachlich versierte physiotherapeutische Begleitung, oder?

 

Die Anforderungen und Belastungen des Hundesports können wir genauso wenig senken, wie uns das im Hochleistungssport der Menschen möglich ist, aber wir können dazu beitragen, dass die Rahmenbedingungen gesünder werden.

 

Reicht uns dafür die normale physiotherapeutische Ausbildung oder benötigen wir mehr?

In der normalen physiotherapeutischen Praxis haben wir es vorwiegend mit Hunden zu tun, die aufgrund vorhandener Probleme aus dem Alltag oder auch aufgrund ihres Alters zu uns kommen. Jeder Hund, ganz egal ob Familienhund oder Sporthund kann sich verletzen, hat Blockaden oder Verspannungen oder kann altersbedingte Probleme entwickeln.

Diese Bereiche können wir natürlich mit unserem normalen Behandlungsangebot abdecken und sind in der Lage fachlich versiert damit umzugehen und zur Wiederherstellung der Gesundheit beizutragen.

Im Hundesportbereich begegnen wir aber darüber hinaus noch ganz anderen Anforderungen an unsere Fachkompetenz. Hier geht es nicht nur um die Gesundheitswiederherstellung, sondern es geht vor allem um die Gesund-Erhaltung der Sporthunde.

Wir möchten in der sportphysiotherapeutischen Praxis dazu beitragen, dass die Sporthunde ihren Sport so gesund wie möglich ausüben können. Dabei beginnt unsere Arbeit nicht erst, wenn der Hund mit einem bestehenden Problem zu uns kommt, sondern oft weit im Voraus.

In der Sportphysiotherapie haben wir die Möglichkeit, mit gesunden Hunden präventiv daran zu arbeiten, dass das Verletzungsrisiko bestmöglichst minimiert wird und der Hund so gesund wie möglich bleibt. Gezielter Muskelaufbau, Stärkung der Belastungszonen, Wahrnehmung und Ausgleich der körperlichen Schwächen, ein gutes Körpergefühl und eine gute Koordinationsfähigkeit müssen im Bezug zur jeweiligen Sportart betrachtet und aufgebaut werden.

Kollegen die bereit sind, sich mit der jeweiligen Sportart wirklich auseinanderzusetzen, dem Sport gegenüber positiv eingestellt sind und bereit sind, mit dem Trainer zu kooperieren, erlernen sportartenspezifische Problembereiche und können die Anforderungen des Sports individuell für jeden Sporthund einschätzen. Die Sportarten wirklich zu kennen ist ein wichtiger Teil dieses Fachwissens, aber es würde nicht ausreichen, wenn wir uns nur in den Sportarten auskennen würden.

Welches zusätzliche Wissen benötigen wir dafür?

Jede Sportart bringt zwangsläufig ihre eigenen Anforderungen und Belastungsbereiche mit. Training und Turniersituationen variieren teilweise sogar innerhalb der einzelnen Sportarten, so dass jeder Hund individuell im Bezug zu seinem Sport betrachtet werden muss.

Welche körperlichen Voraussetzungen bringt der Hund mit und an welchen Stellen verursacht dies womöglich sportartspezifische Probleme? Für die Beantwortung dieser Frage kommen wir mit der normalen Gangbildanalyse einfach nicht weit genug und müssen diese sportphysiotherapeutisch ausweiten.

Um dies mit der fachlich ausreichenden Kompetenz betrachten zu können, muss ich mich mit jeder Sportart soweit auskennen, dass ich über Belastungsbereiche genauestens informiert bin und weiß, was im Training und Sport möglich ist.

Nur wenn ich den Hund erweitert unter sportlichen Gesichtspunkten untersuche und wahrnehme und dies in direktem Bezug zu seinem Sport setzen kann, bin ich auch in der Lage, diesen individuell zu unterstützen.

Ohne die Sportart und die spezifischen Belastungen zu kennen, ist es mir weniger gut möglich, physiotherapeutisch das Training gezielt zu ergänzen und für ein notwendiges Ausgleichsprogramm zu sorgen, so dass der Hund seinen Sport möglichst gesunderhaltend ausüben kann.

 

Sportphysiotherapeuten nutzen gängige Physiotricks und Übungen modifiziert und individuell angepasst und können wichtige körperliche Bereiche für den Sport unterstützen. Sie wissen, wie sie sportliche Bewegungsmuster gesünder gestalten und tragen dazu bei Leistungen sicherer und gesünder abrufen zu können.

Prävention im Sport – gesund im Sport

Hierbei geht es weniger darum, dem Sporthund in einer Erwartungshaltung der, dem ausgeübten Sport entsprechenden, Problembereiche zu begegnen, sondern darum, das bestmögliche zur Unterstützung des Hundes und zur Vermeidung dieser Probleme beizutragen.

Die Arbeit mit gesunden Hunden gibt uns dabei ganz andere Möglichkeiten und fordert unser Fachwissen über den Körperbau, die Muskulatur und den Bewegungsablauf des Hundes aus neuen Blickwinkeln. Typische physiotherapeutische Übungen werden optimiert, verändert und angepasst an die jeweiligen Bedürfnisse des Sporthundes und stehen immer im Bezug zu der jeweiligen Sportart.

Ich selber mag diesen Teil meiner Arbeit sehr und es macht mir große Freude, dies im Rahmen unseres Weiterbildungskonzepts „Sportphysiotherapie für Hunde“ an andere Kollegen weiterzugeben. Gerade durch die darin enthaltene Kombination und Zusammenarbeit zwischen Trainer und Physiotherapeut können wir eine wichtige Brücke schlagen, um die sportphysiotherapeutische Arbeit noch besser zu verstehen und ausüben zu können.

Eine gute Hundephysiotherapeutische Praxis bietet genau das, was der jeweilige Hund benötigt. Sporthunde gibt es sehr viele und auch der Weg in die sportphysiotherapeutische Begleitung wird immer öfter gewählt. Umso wichtiger ist es meiner Meinung nach, dass wir auch in unseren Praxen vermehrt diesen besonderen Ansprüchen gewachsen sind.


Britta Reiland

Britta Reiland, geb. 01.09.1974 Sportphysiotherapeutin, Dozentin und Autorin

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