Die wohl häufigste Reaktion, wenn ich Leuten davon erzähle, dass ich Hundefrisbee-Seminare gebe ist:

“Hundefrisbee ist doch gar nicht schwer, ich werf’ meinem Hund auch immer mal ‘ne Scheibe im Park. Die fliegt locker 50 Meter. Da brauch’ ich sicher kein Seminar für.”

Stimmt! Um seinem Hund “einfach mal eine Scheibe zu werfen”, braucht man kein Seminar.
Man sollte sich zwar schon ein paar Gedanken machen, welche Risiken und Nebenwirkungen das mit sich bringt, aber man braucht nicht zwingend ein Seminar, regelmäßiges Training oder gar teure Privatstunden. Immerhin hat dieser Sport ja auch genau damit angefangen: Der Mensch wirft seinem Hund einfach mal eine Scheibe, die der Hund fängt und am besten sogar zurück bringt.

Im Laufe der über 40-jährigen Geschichte dieses Sports, haben sich jedoch unzählige Variationen dieser “einfachen” Beschäftigung entwickelt, die sehr unterschiedliche Anforderungen an den Menschen und den Hund stellen können.

Die wohl am häufigsten gespielten Disziplinen sind “Freestyle” und “Throw and Catch”.

Zumindest werden diese Disziplinen bei allen gängigen Turnierformaten gespielt.

Zugegeben, es ist etwas unpräzise, die einzelnen Unterschiede in den jeweiligen Regelwerken außer Acht zu lassen. Immerhin sind es eben diese Unterschiede, die die Existenz der unterschiedlichen Organisationen (bzw. Regelwerke) rechtfertigt. Für diesen Blogartikel möchte ich mir aber eben diese Freiheit rausnehmen, um nur die groben Unterschiede herauszuarbeiten.

Also dann… 
„Throw and Catch“ vs. “Freestyle”

Die “Throw and Catch” ist es, die dem “ich-werfe-mal-eine-scheibe-für-meinen-hund” am nächsten kommen mag.

“Toss and Catch” Feld AWI

Diese Disziplin wird in der Regel mit einer Scheibe gespielt und das Mensch-Hund-Team muss während einer bestimmten Zeit (60-90 Sekunden) so viele “Catches” (vom Hund gefangene Scheiben) wie möglich erzielen. Gespielt wird diese Disziplin auf einem Spielfeld, welches in unterschiedliche Zonen, mit unterschiedlichen Punktwerten eingeteilt ist.


In der Regel gilt: Je weiter die Zone von der Startlinie entfernt ist, desto mehr Punkte bekommt man.

Vom Ablauf her ist das eigentlich recht einfach zu verstehen: Mensch und Hund befinden sich an der Startlinie. Der Mensch wirft die Scheibe in die weiteste Zone, in der der Hund die Scheibe fängt. Der Hund apportiert die Scheibe und das ganze beginnt von vorne.
Dies wiederholt sich dann so lange, bis die Zeit abgelaufen ist. Wichtig ist, der Abwurf muss immer von der Startlinie erfolgen. Am Ende des Tages gewinnt dann das Team mit den meisten Punkten.

Was passiert aber, wenn ich die Scheibe nicht vernünftig abwerfe?
Was passiert, wenn der Hund nicht fängt?
Was ist, wenn mein Hund die Scheibe nicht schnell und präzise genug apportiert?
Das kostet Zeit und Punkte.

Es gibt Teams, die kommen auf 5-6 Würfe – bei einer Weite von 35 Meter und innerhalb 60 Sekunden.

Ich glaube, es bedarf nicht viel Vorstellungskraft, um sich vorstellen zu können, welche Anforderungen hier an das Team gestellt werden. Der Mensch muss schnell, weit und präzise werfen können. Der Hund muss schnell genug sein, die Scheibe sicher verfolgen, fangen und  mit gleicher Präzision und Geschwindigkeit zu dem Menschen zurück bringen, so dass dieser die Scheibe wieder schnell genug abwerfen kann.

Das ist alles, aber sicherlich kein “ich-werfe-mal-eine-scheibe-für-meinen-hund” und manche Teams trainieren wirklich hart, um diese Leistung erbringen zu können.

Die zweite genannte Disziplin ist die “Freestyle”.

Bei diesen Disziplinen handelt es sich immer um eine Choreografie aus unterschiedlichen Würfen und Tricks, welche von den Teams gezeigt werden. Hierzu haben die einzelnen Teams zwischen 90 und 120 Sekunden Zeit (je nach Regelwerk) und dürfen 5-10 Scheiben (je nach Regelwerk) verwenden, um ihr Können und ihre Kreativität auf selbst gewählte Musik zu präsentieren.

Ein Richterteam aus bis zu vier Richtern bewertet diese Kür nach unterschiedlichen Bewertungskriterien. Diese unterscheiden sich zwar in ihren Feinheiten von Regelwerk zu Regelwerk, berücksichtigen aber immer das Können und die Sportlichkeit des Hundes (abhängig von Alter und Rasse), die Wurffähigkeiten des Menschen, die Teamarbeit und Kooperation zwischen Mensch und Hund, so wie die Kreativität und die allgemeine Präsentation während der Kür.

In dieser Disziplin finden sich dann auch die ganzen Sprünge, die den meisten Hundephysiotherapeuten die Tränen in die Augen treiben, die von den Fotografen so gerne als Motiv verwendet werden und über die man – nach wie vor – wunderbar streiten kann.
Wie alle anderen Dinge, die man in einer “Freestyle”-Choreografie so gezeigt bekommt, sind diese immer freiwillig. Es gibt tatsächlich nur ein Regelwerk (und dessen Ableger), welches ein paar „Pflichtelemente“ vorgibt, die gezeigt werden sollten, um gute Punkte zu bekommen und selbst bei den betroffenen Regelwerken gibt es die Möglichkeit, einzelne Elemente wegzulassen.

Das ermöglicht es, die Choreografie optimal auf die eigenen Möglichkeiten und die des Hundes anzupassen.

Es geht nicht um Geschwindigkeit oder weite Würfe.
Es geht nicht um einen 100% präzisen Apport.
Es geht um das Spiel mit dem Hund, den Scheiben und darum, dies möglichst ansprechend und auf hohem Niveau zu präsentieren.

Hier sind der Fantasie erstmal keine Grenzen gesetzt, so lange der Hund nicht gefährdet wird und der Hund die Scheiben fängt. So wäre es durchaus denkbar, diese Freiheiten zu nutzen, um auch mit älteren, kleinen oder großen Hunde so zu spielen, dass die Belastungen auf ein Minimum reduziert werden und die Punktzahl trotzdem dementsprechend hoch ausfällt. Immerhin schaffen es manche Spieler auf knapp 25 unterschiedliche und sehr schwierige Würfe in einer Runde und der handelsübliche Gassigeher, der zwischendurch mal `ne Scheibe für seinen Hund wirft, kennt in der Regel nur maximal zwei Arten, die Scheibe zu werfen.
Da sollten schon ein paar Punkte mit zu holen sein, wenn der Hund die vernünftig fängt.

Leider sind wir auch an dieser Stelle wieder weit davon weg, dass wir unserem Hund nur mal einfach eine Scheibe werfen und auch eine gute Kür setzt viele Stunden Training voraus, um möglichst kreativ und möglichst innovativ mit seinem Hund spielen zu können.

Vergleicht man nun einmal die Konzepte dieser beiden Disziplinen, wird schnell deutlich, dass wir es mit – teilweise – komplett unterschiedlichen Grundlagen zu tun haben, die wiederum unterschiedlichen Ansprüche an das Training stellen und teilweise sehr unterschiedliche Belastungen und Risiken mit sich bringen können.

Auf der einen Seite haben wir die „Throw and Catch“ mit ihre Geschwindigkeit, der Präzision und dem recht übersichtlichen Spielverlauf. Auf der anderen Seite steht die “Freestyle”, mit ihrer Kreativität, den Showeinlagen, den Sprüngen, den recht komplexen Kombinationen und leider oftmals recht nebulösen Bewertungskriterien.

Ich glaube, dass keines dieser beiden Konzepte unbedingt besser ist als das Andere.
Sie sind aber auch nicht zwingend beide für jeden Hund oder jeden Menschen geeignet.

Mit dem richtigen Aufbau und dem dementsprechenden Training bieten aber beide Disziplinen durchaus ihren Reiz und erzeugen immer wieder „WOW-Momente“ und neidische Blicke auf Grund der Leistung, die von manchen Teams in den einzelnen Disziplinen erbracht werden.

Über den Autor

Björn Tigges
Björn Tigges
Björn Tigges bewegt sich seit 2004 in der Welt des Hundefrisbees.
Zusammen mit seinen Hunden qualifizierte er sich mehrfach für Europameisterschaften und Weltmeisterschaften im Hundefrisbee und unterrichtet, als Hundetrainer (zertifiziert nach §11 Tierschutzgesetz, Abs. 1, Nr. 8f) einzelne Teams, Gruppen und Trainer in ganz Europa.
Darüber hinaus ist er auch immer wieder als Richter in unterschiedlichen Regelwerken unterwegs, bildet neue Richter aus und vertritt derzeit, als "European Tournament Director", die "Ashley Whippet Invitationals"-Weltmeisterschaftsserie in Europa.

Björn Tigges

Björn Tigges bewegt sich seit 2004 in der Welt des Hundefrisbees. Zusammen mit seinen Hunden qualifizierte er sich mehrfach für Europameisterschaften und Weltmeisterschaften im Hundefrisbee und unterrichtet, als Hundetrainer (zertifiziert nach §11 Tierschutzgesetz, Abs. 1, Nr. 8f) einzelne Teams, Gruppen und Trainer in ganz Europa. Darüber hinaus ist er auch immer wieder als Richter in unterschiedlichen Regelwerken unterwegs, bildet neue Richter aus und vertritt derzeit, als "European Tournament Director", die "Ashley Whippet Invitationals"-Weltmeisterschaftsserie in Europa.

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